Christopher Nolans Odyssee: Fantasy gab es schon bei Homer

Affiche officielle de L’Odyssée de Christopher Nolan, en format compact sur fond transparent

Die Heroic Fantasy gehört weder allein Robert E. Howard und Conan noch Tolkien und Mittelerde.

Lange vor ihnen schickte Homer bereits einen listigen Helden auf eine unmögliche Reise voller Monster, Götter, Stürme und übernatürlicher Wesen. Ja: Mit The Odyssey präsentiert Christopher Nolan seine Vision von Fantasy… antiker Fantasy.

Eine Odyssee ohne IMAX

Gestern haben Ghorm’ak, meine Partnerin und ich The Odyssey im Kino gesehen.

Ich sollte erwähnen, dass wir den Film nicht in einem IMAX-Saal erlebt haben. Nolan hat ihn selbstverständlich für die größtmöglichen Leinwände konzipiert, doch das hinderte uns nicht daran, völlig mitgerissen zu werden. Die Kraft des Films beruht nicht allein auf seinem Format: Sie entsteht ebenso durch die Inszenierung, das Tempo und die Art, wie er uns gemeinsam mit Odysseus hinaus aufs Meer wirft.

Der Film basiert auf den Homer zugeschriebenen Schriften — einem Dichter, dessen Existenz und Biografie bis heute von Ungewissheit umgeben sind — und adaptiert eine fast dreitausend Jahre alte Geschichte.

Und dennoch wirkt alles erstaunlich vertraut.

Ein gequälter Held, eine endlose Suche, Gefährten, die auf die Probe gestellt werden, launische Götter und ein Bestiarium, das den größten modernen Fantasywerken würdig wäre: The Odyssey könnte beinahe aus einer hervorragenden Dungeons & Dragons-Kampagne stammen. Rollenspiele haben sich häufig von antiken Mythologien inspirieren lassen; Nolan erinnert uns daran, wie sehr diese Geschichten bereits den Abenteuern ähnelten, die wir heute am Spieltisch erleben.

Wenn das eine das andere inspiriert…

Christopher Nolan, von The Prestige bis The Odyssey

Wie gewohnt verwöhnt uns Christopher Nolan.

Ich muss zugeben, dass ich seine Arbeit seit The Prestige aufmerksam verfolge, getragen vom makellosen Duo Hugh Jackman und Christian Bale. Bale hatte Batman bereits in Batman Begins verkörpert und kehrte später für die beiden letzten Filme von Nolans Dark-Knight-Trilogie zum Regisseur zurück.

Für The Odyssey holt Nolan außerdem zwei Darsteller aus Interstellar zurück: Anne Hathaway und Matt Damon. Diesmal spielen sie Penelope und Odysseus, ein Paar, dessen Liebe und Trennung das wahre emotionale Herz der Geschichte bilden.

Tom Holland beeindruckt als Telemachos. Robert Pattinson hingegen wird von Film zu Film stärker und überzeugt als Antinoos. Twilight und seinen Auftritt in Harry Potter hat er längst hinter sich gelassen — so sehr, dass man die Rollen, die ihn berühmt machten, beinahe vergessen könnte.

Sein Talent ist außergewöhnlich, und seine Mitwirkung im nächsten Dune von Denis Villeneuve macht diesen Film umso vielversprechender.

Lupita Nyong’o hat mich in ihrer Doppelrolle als Helena von Troja und Klytaimnestra etwas weniger überzeugt. Himesh Patel hingegen spielt Eurylochos äußerst überzeugend.

Zendaya, Charlize Theron und der Rest dieser beeindruckenden Besetzung vervollständigen ein Bild, in dem der arme Matt Damon als Odysseus praktisch keinen Augenblick Ruhe findet.

Christopher Nolan kennt wirklich das Geheimnis einer starken Besetzung. Er arbeitet gern erneut mit einigen seiner Lieblingsdarsteller, versteht es aber ebenso, neue Gesichter in sein Universum aufzunehmen. Und ehrlich gesagt wollen wir mehr davon.

Eine bewusst zeitlose Mythologie

An den Kostümen des Films und der ethnischen Herkunft einiger Darsteller gab es viel Kritik.

Doch Nolan und sein Team entschieden sich bewusst gegen eine einfache historische Rekonstruktion des antiken Griechenlands. Ihr Ziel war eine zeitlose visuelle Mythologie, ohne sämtliche vertrauten Klischees des Hollywood-Sandalenfilms zu wiederholen.

Und es funktioniert.

Wir sehen keine Dokumentation über die Bronzezeit. Wir sehen eine Legende, die seit beinahe dreitausend Jahren weitererzählt, verändert und neu erfunden wird.

Mythologie gehört den Geschichten, und Geschichten leben, weil jede Epoche sie sich aufs Neue aneignet.

Das Meer als echtes Schlachtfeld

Bei den visuellen Effekten und den Szenen auf See spürt man alles, was Christopher Nolan bei Dunkirk gelernt hat.

Die Seefahrt ist brutal, nass und beinahe körperlich. Die Schiffe scheinen nicht vor einem Greenscreen zu treiben: Sie kämpfen tatsächlich gegen das Meer. Jede Welle besitzt Gewicht, und jeder Sturm wirkt, als könnte er sowohl die Schauspieler als auch die Kameras verschlingen.

Die größte technische Herausforderung waren nicht unbedingt die Spezialeffekte, sondern neue IMAX-Kameras, mit denen sowohl gewaltige Landschaften als auch intime Szenen eingefangen werden konnten.

Selbst wenn man den Film nicht in IMAX sieht, ist dieses Streben nach Realismus ständig spürbar.

Der Zyklop und Homers Monster

Ich habe Homers Odyssee nicht gelesen, doch soweit ich es verstanden habe, folgt der Film ihren großen Stationen, nimmt sich dabei einige Freiheiten und greift Elemente aus anderen antiken Erzählungen auf.

Meine Lieblingspassage bleibt die Begegnung mit dem Zyklopen.

Die Kreatur ist wirklich furchteinflößend, vor allem weil ihr Erscheinungsbild beinahe menschlich bleibt. Nachdem sie ihr Augenlicht verliert, wirkt sie für einige Augenblicke sogar seltsam traurig.

Ist sie am Ende nicht einfach ein Lebewesen, das friedlich auf seiner Insel lebte, bevor Fremde in sein Gebiet eindrangen?

Ich beschränke mich auf diese Episode, wahrscheinlich die bekannteste aus Odysseus’ Reise, um den Film nicht zu spoilern. Nur so viel: Die Prüfungen hören beinahe nie auf. Fast drei Stunden lang gönnt Nolan weder seinen Figuren noch dem Publikum viel Zeit zum Durchatmen.

Das Ende ist köstlich und seiner Arbeit vollkommen würdig.

Mein Film des Jahres?

Im Moment ist The Odyssey mein Film des Jahres.

Es sei denn, Dune: Part Three gelingt es im Dezember, ihm den ersten Platz zu entreißen. Denis Villeneuve gehört zu meinen Lieblingsregisseuren und Dune ist — wie soll ich sagen — für OrionOdin86 praktisch unschlagbar.

Zumal Robert Pattinson ebenfalls Teil dieser Reise sein wird.

Bis dahin bin ich schon sehr gespannt darauf, was Christopher Nolan als Nächstes für uns bereithält. Noch wurde nichts angekündigt, doch sollte sein nächstes Projekt tatsächlich in Richtung Horror gehen, wäre meine Antwort sofort ein klares Ja. 🙂

Zum Abschluss überlasse ich euch dieses englischsprachige Interview von HugoDécrypte mit Christopher Nolan.

Offizielles Werbeplakat zu The Odyssey — © Universal Pictures / Syncopy. Im Rahmen dieser Kritik wiedergegeben.


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