Nach einer ersten Staffel, die mich dazu gebracht hatte, Twin Peaks mit dem ersten Band von Blake Crouchs Wayward Pines zu vergleichen — nur um letztlich festzustellen, dass beide Werke trotz einiger Gemeinsamkeiten doch ziemlich unterschiedliche Wege einschlagen — habe ich nun auch Staffel 2 beendet.
Und meine erste Feststellung ist ziemlich einfach: Man nehme praktisch alle Zutaten aus Staffel 1 und drehe die Regler noch ein Stück weiter auf.
Ihr wolltet Soap Opera? Bitte sehr.
Etwas Grusel? Greift zu.
Völlig durchgedrehte Seltsamkeit? Keine Sorge, David Lynch hat noch ein paar Gerichte auf der Karte.
Diese zweite Staffel ist deutlich länger: 22 Episoden, gegenüber nur acht in der ersten Staffel. Sie bringt jede Menge Antworten, neue Fragen und vor allem noch mehr Merkwürdigkeiten.
Und wenn ich von „Antworten“ spreche, meine ich das durchaus ernst.
Ohne etwas zu verraten: Staffel 2 lüftet tatsächlich den Schleier über mehreren wichtigen Elementen der Geschichte. Aber weil wir hier von Twin Peaks sprechen, scheint beinahe jede Antwort sofort zwei neue Fragen hervorzubringen.
Eine Serie aus zwei Welten
Man darf nie vergessen, dass Twin Peaks vor allem das Werk zweier Männer ist: Mark Frost und David Lynch.
Und vielleicht wird das in dieser Staffel sogar noch deutlicher als in der ersten.
Mark Frost bringt unter anderem eine Struktur mit, die stärker an klassische Fernsehserien und Soap Operas erinnert: sich kreuzende Handlungsstränge, Liebesgeschichten, Rivalitäten und all die kleinen Mechanismen eines fortlaufenden Fernsehdramas.
Und dann ist da Lynch.
Sagen wir einfach: Sobald er wirklich das Steuer übernimmt, kann der Pegel der Seltsamkeit ganz plötzlich mehrere Stufen nach oben springen.

Genau darin liegt meiner Meinung nach eine der großen Stärken, aber gleichzeitig auch eine der Schwächen dieser zweiten Staffel.
Manche Episoden wirken ausgesprochen „frostisch“, und dann ändert sich plötzlich die Atmosphäre und wir landen in etwas deutlich Lynchigerem.
Auf dem Papier könnte das hervorragend funktionieren. Doch die Handschrift der beiden ist teilweise so ausgeprägt, dass man beinahe schon beim Zuschauen erraten kann, wer hinter einer Episode steckt.
Das gehört wahrscheinlich zum Charme von Twin Peaks. Doch weil David Lynch einen so unverwechselbaren Stil besitzt, kann der Wechsel zwischen den verschiedenen Tonlagen manchmal ziemlich abrupt wirken.
Twin Peaks ist selbst eine Figur
Was die Handlung betrifft, liefert diese zweite Staffel also durchaus Antworten.
Und einige davon könnten überraschen.
Natürlich erfahren wir mehr über den Mord an Laura Palmer, über Bob, aber auch über Twin Peaks selbst.
Denn je weiter ich in der Serie komme, desto stärker habe ich das Gefühl, dass diese kleine Stadt nicht einfach nur die Kulisse der Geschichte ist.
Twin Peaks ist eine Figur.

Die Stadt besitzt ihre eigene Seele, ihre Geheimnisse, ihre eigenartigen Einwohner, ihre besonderen Orte und dieses permanente Gefühl, dass sich direkt hinter dem Sichtbaren noch etwas anderes verbirgt.
Besonders der Wald scheint die Figuren manchmal ebenso zu beobachten, wie wir sie beobachten.
Eine außergewöhnliche Besetzung
Wenn es ein Element gibt, das praktisch nie schwächer wird, dann ist es die Besetzung.
Kyle MacLachlan ist als Dale Cooper natürlich hervorragend, aber es wäre unfair, den Erfolg der Serie allein auf seine Figur zu reduzieren. Das gesamte Ensemble findet seinen Platz in diesem unwahrscheinlichen Universum und schafft es, Figuren glaubwürdig wirken zu lassen, die in einer anderen Serie sehr leicht zu bloßen Karikaturen hätten werden können.

Und dann wäre da Bob.
Eine inzwischen beinahe legendäre Anekdote: Frank Silva arbeitete ursprünglich hinter der Kamera für die Serie. Lynch bemerkte ihn am Set, und irgendetwas an seinem Aussehen brachte ihn auf eine Idee.
Er hatte Bob gefunden.
Und irgendwie hat Bob auch uns gefunden.
David Lynch selbst taucht ebenfalls in der Serie auf und spielt Gordon Cole, einen Kollegen von Dale Cooper.
Und natürlich konnte Lynch nicht einfach einen völlig gewöhnlichen FBI-Agenten spielen.
Seine Figur ist vollkommen eigenartig… und zugleich seltsam liebenswert.
Ein Durchhänger in der Staffelmitte
Perfekt ist allerdings nicht alles.
Ohne ins Detail zu gehen, findet ein wichtiger Handlungsstrang im Laufe der Staffel eine Art Auflösung.
Und danach hatte ich persönlich deutlich das Gefühl, dass die Serie an Schwung verliert.
Für einige Episoden scheint Twin Peaks nach sich selbst zu suchen. Manche Nebenhandlungen nehmen sehr viel Raum ein und vermitteln gelegentlich den Eindruck, dass die Serie ein wenig auf der Stelle tritt.
Das ist wahrscheinlich der Teil der Staffel, der mich am wenigsten überzeugt hat.
Doch dann erwacht plötzlich wieder etwas.
Eine Figur aus Dale Coopers Vergangenheit taucht auf und eine echte Schachpartie beginnt.
Im wörtlichen wie im übertragenen Sinn.
Die Geschichte findet langsam wieder zu einer dunkleren und geheimnisvolleren Richtung zurück, während Cooper mehr über etwas erfährt, von dem wir bereits zuvor gehört hatten:
die Black Lodge.
Und ab diesem Moment…
wird Twin Peaks wieder vollkommen zu Twin Peaks.
Und dann kommt das Ende…
Natürlich werde ich nicht verraten, was passiert.
Aber meiner Meinung nach endet diese Staffel mit einem gewaltigen Cliffhanger.
Mit einem dieser Enden, bei denen man noch ein paar Sekunden auf den Bildschirm starrt und sich fragt:
„Moment mal… die hören jetzt wirklich hier auf?“
Und genau das geschah.
Nach der zweiten Staffel endete Twin Peaks im Jahr 1991.
Die Serie hatte bei ABC mit einer schwierigen Programmplanung, mehrfach wechselnden Sendezeiten und sinkenden Zuschauerzahlen zu kämpfen. Sehr lange blieb dieses Ende deshalb tatsächlich… das Ende.
Dann geschah das eigentlich Unwahrscheinliche.
Fast 25 Jahre später kehrten David Lynch und Mark Frost nach Twin Peaks zurück und veröffentlichten 2017 die dritte Staffel, Twin Peaks: The Return.
Und wer Staffel 2 bereits beendet hat, weiß vermutlich, warum die Zahl 25 in diesem Universum eine ganz besondere Bedeutung besitzt.
Wenn man die Staffel heute beendet, kommt einem daher sofort ein Gedanke:
Zum Glück… gibt es noch eine dritte.
Lohnt sich Twin Peaks heute noch?
Ja.
Aber man muss die Serie so akzeptieren, wie sie ist.
Wer moderne Serien gewohnt ist — schnell, straff erzählt und so konstruiert, dass man sofort die nächste Episode starten möchte — könnte bei Twin Peaks manchmal das Gefühl haben, die Serie käme von einem anderen Planeten.
Denn irgendwie… ist das auch genau der Fall.
Das Erzähltempo kann abschrecken.
Der Soap-Opera-Anteil kann überraschen.
Manche Handlungsstränge wirken völlig absurd.
Und bei einigen Szenen wird man sich vermutlich fragen, was man eigentlich gerade anschaut.
Aber gebt der Serie eine Chance.
Wegen ihrer Schauspieler.
Wegen Dale Cooper.
Wegen ihrer herrlich unwahrscheinlichen Einwohner.
Wegen ihrer Atmosphäre.
Wegen ihrer Seltsamkeiten.
Wegen dieses Waldes, der immer etwas zu verbergen scheint.
Und vor allem deshalb, weil Twin Peaks nach zwei Staffeln nicht mehr einfach nur eine Stadt ist, in der eine Ermittlung stattfindet.
Es ist ein Ort, an dem man fast das Gefühl bekommt, selbst eine Zeit lang gelebt zu haben.
Und trotz all seiner Unvollkommenheiten möchte man ihn am Ende eigentlich gar nicht mehr verlassen.
Ach ja…
Achtet beim Vorspann einmal ganz genau auf das Ortsschild am Eingang der Stadt.
Vielleicht solltet ihr euch eine bestimmte Zahl merken. 🙂
Titelbild: Snoqualmie Falls und die Salish Lodge — Foto: hairyegg (Kevin Franklin), CC BY-SA 2.0.

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